04 Jan

Brief von Ernst-August an Alex und Josefine

Liebe Alex, Liebe Josephine,

wenn die Winde der Veränderung wehen, dann bauen manche Schutzmauern, andere errichten Windmühlen.

Doch wehen derzeit keine Winde, keine lauen Lüftchen, es toben die Stürme der Veränderung und ich werde bestimmt nicht jetzt damit anfangen Mauern zu bauen, wo doch Klugheit, Wissen und Mut gefordert sind. Mir steht der Sinn nach stabilen Windmühlen! Ich begleite derzeit Jean auf seinen ersten Schritten im Winter und versuche parallel dazu das zarte Band mit meiner Gemahlin neu zu vermessen.

Ich schreibe euch beiden, da ihr die Gefährten seid, die an jenem schicksalshaften Tag in Berlin Zeuge wart. Ihr wart Zeuge der Geburt eines Kindes, das nie hätte entstehen dürfen. Ihr wart Zeuge wie der Winterritter starb. Ihr wart Zeuge wie das Amt des Ritters auf unseren Jean überging, und ihr ward Zeug wie ein zweites Kind gezeugt wurde, ein Kind, das ebenfalls niemals hätte gezeugt werden dürften, doch ich greife vor.

Zunächst, Jean geht es nicht gut. Ich mache mir große Sorgen um ihn. Es ist zu viel. Es ist schon für einen stabilen und gesunden Menschen eine grausame Bürde, sich mit dem Winter in seinem Inneren, seiner Seele, auseinandersetzen zu müssen. Für einen weißen Vampir? Er wird bei lebendigem Leib zerrissen, zerfetzt von der Kälte seiner neuen Herrin und dem Dämon, der ihn treibt. Ich fürchte, wenn es nicht gelingt ihn zu retten, dann werden wir bald einen neuen Slate haben, aber leider einen deutlich gefährlicheren!

Ich habe nun folgerichtig das getan, wofür Zauberer seit jeher bekannt sind: Ich habe studiert, recherchiert, verglichen und nachgedacht, gründlich und an verschiedenen Orten. Und ich kann euch voller Freude und mit ein wenig Stolz verkünden: Jean ist noch nicht verloren! Ich habe mehrere Quellen gefunden, die belegen, dass kein Gesetz existiert, wonach der Winterritter ein Amt auf Lebenszeit ist. Der Mantel des Ritters gehört der Königin! Sie kann darüber nach Belieben verfügen. Sie „kann“ den Mantel jederzeit weitergeben, auch ohne den Tod des Ritters. Nun kommt das aber: „Warum sollte sie das tun?“ Aus Menschlichkeit? Wohl kaum. Es ist ganz schlicht praktischer, schneller und vor allem risikoloser (!) den Mantel des Ritters durch Tod zu übertragen, aber es ist nicht unmöglich!

Das bedeutet, wir müssen lediglich die grausame Königin davon überzeugen, dass sie Jean frei lässt. „Was soll da schon schiefgehen?“, fragt ihr euch bestimmt und ich sehe euch schon dabei grinsen. Aber ich bitte euch noch um etwas mehr eurer kostbaren Zeit, meine Freunde, und Freunde ist es doch was wir sind, oder? Wir müssen der Königin von Eis und Dunkelheit lediglich etwas anbieten! Wir müssen einen Handel konstruieren, wir müssen sie dazu bringen uns entweder einen Gefallen zu schulden, der groß genug ist das zu fordern, oder wir müssen es zur Bedingung eines Paktes machen.

Nun zum zweiten Punkt: den Kindern. Derzeit gehen merkwürdige Dinge am Winterhof vor sich. Mab hat seit der Geburt ihrer Tochter nicht mehr gesprochen! Maeve wirkt so selbstzufrieden, dass es den ohnehin schon kalten Winter auf Arctis Tor schockgefrieren lässt. Man munkelt von einer Verschwörung der Damen von Sommer und Winter. Auch hier habe ich mich auf die Tugend des Zauberers konzentriert und weniger den Gerüchten, als den Quellen, den Überlieferungen und den Niederschriften der Weisen meine Aufmerksamkeit geschenkt. Auch hier wurde ich belohnt, wenngleich es deutlich schwieriger ist von „gesicherten“ Erkenntnissen zu sprechen. Doch eines nach dem anderen.

Ich bin auf Quellen gestoßen, die erklären, warum keine (!) der Feenkönigen leibliche Kinder zeugen soll. Sie können es, sie wollen es vielleicht auch, aber es ist nicht weise! Durch die Schwangerschaft und die Geburt, gibt die Mutter unwiederbringlich ein Teil ihrer Essenz an das Kind weiter. Sie hat Zeit Lebens ein Band zu ihrem Kind und das meine ich nicht nur auf moderne psychologische Weise! Es besteht ein Band, dass sie fühlen lässt wie es ihrem Kind geht, es besteht ein Band, das, wenn man es zu nutzen weiß, einer Mutter erlaubt ihrem Kind auch über große Distanz zu helfen. Aber dieses Band ist nicht auf eine Richtung beschränkt! Oder verkürzt: Wer das Kind hat, der hat Macht über die Mutter!

Ich verstehe die Zusammenhänge noch nicht vollkommen, aber Mab hat hier untypisch unklug agiert, sie hat sich verletzlich gemacht und nicht wenige am Hof arbeiten deswegen an ihrem Sturz, allen voran die potentielle neue Königin, Maeve. Seht ihr den Zusammenhang? Genau hier können wir ansetzen! Was Mab zu verlieren hat wiegt schwer, schwer genug für einen Deal um unseren Freud zu retten.

Ich werde weiter forschen und halte euch auf dem Laufenden. Leider bin ich derzeit schwierig zu kontaktieren, weswegen ich Dir, liebe Alex, empfehle auf einen alten Boten zurückzugreifen, den schon Prospero, dein Vater und ich einst nutzten. Er heißt Asalluchi und ich bin mir fast sicher, dass dir das Wissen um seine Beschwörung schon in die Wiege gelegt wurde. Der Dämon ist, soweit man das für Wesen seiner Klasse überhaupt sagen kann, „vertrauenswürdig“, mit den üblichen Einschränkungen natürlich. Aber er scheint durchaus geeignet für einen solchen Auftrag. Natürlich solltest du keine absolut vertraulichen Informationen versenden, ohne einen soliden Geheimhaltepakt, aber das ist dir natürlich alles bekannt.

Nun denn meine Lieben, alle für einen und einer für alle, lasst uns keine Mauern bauen, sondern Windmühlen!

Euer Freund

 

Ernst-August