04 Jan

Brief von Josefine an Ernst-August

Lieber Ernst-August,

 

Ich hasse dich nicht.

Ich wünschte ich könnte es, denn du hast mir mein Kind genommen – unser Kind. Doch jetzt erleben wir, wie stark das Band geknüpft ist, das uns beide verbindet. Du hast lieber den Spross deiner eigenen Lenden für immer fortgegeben als mein Leben zu riskieren. Doch ich erkenne, warum du es getan hast. Du hast das große Spiel gespielt und versucht, alle Seiten zu retten. Auch wenn ich an dieser Stelle anders entschieden hätte, weiß ich deine Wahl zu respektieren. Du hattest Erfolg – du hast alle Leben gerettet, hast mich gerettet. Der Preis war hoch. Was er für unser Kind bedeutet, wage ich nicht, mir auszumalen. Doch es lebt.

Ernst-August, unser Kind ist nun Spielball der Feenhöfe geworden, schutzlos in Arctis Tor, denn wir haben nichts mehr in der Hand, was Mab respektieren muss. Ich habe Stella verloren. Die Tochter der Winterkönigin wurde von der Sommerlady Aurora genommen. Maeve stand daneben und rührte keinen Finger, obwohl es in ihrer Macht gelegen hätte, denn sie erschien statt Mabs (denn gegen eine Lady zu bestehen vermag ich nicht).

Du hast mir den einzigen Weg aufgezeigt, wie ich verhindern kann, dass sich so etwas wiederholt, den einzigen Weg, den ich gehen kann, um unser Kind wiederzugewinnen:

Macht.

Ich werde nun meinen eigenen Weg gehen, selbst die Macht besitzen, um ernst genommen zu werden. Vater gibt mir mehr und mehr Verantwortung in der Familie von Richthofen. Ich baue meine Basis aus. Ich muss vorsichtig sein, denn der Preußische Hof ist eine Schlangengrube. Das Gift dieser Schlangen wirkt langsam und tödlich, und ich bin jung im Angesicht meiner lieben Verwandtschaft.

Doch ich habe etwas, das meine Onkel und Tanten nicht besitzen: Freunde. Ich habe dich, ich habe Björn (hoffentlich bald wieder) und Alex, ich habe Zagreus und ich habe, wenn es gegen meine Verwandtschaft geht, Onkel Jean (hoffe ich). Wenn ich ihn mit all seiner Erfahrung jemals gebraucht habe, dann jetzt. Doch er geht nun auch seinen eigenen Weg und mich fröstelt bei dem Gedanken an seinen Kampf. Ich habe Gefährten, denen ich zu vertrauen wage, und das ist mehr, als ein Mitglied des preußischen Hofes jemals von sich behaupten konnte.

Mein Weg wird mich verändern, verändert mich schon jetzt. Ich habe den Blick in Alexandras Augen gesehen, als mich nach dem Kampf gegen beide Denarier – nachdem ich Stella vor der Münze gerettet hatte – der Hunger überkam. Sie erkennt, dass das Monster in mir wächst.

Und ja, es wächst, und ich lasse es wachsen. Ich habe nun etwas, für das es sich zu kämpfen lohnt. Unser Kind ist in Gefahr. Mein Leben ist in Gefahr. Ich durchschaue das Spiel der Feenhöfe noch nicht vollständig, doch wenn ich ihnen das nächste Mal begegne, dann werden sie es nicht mit der kleinen Josefine zu tun haben.

Sie werden der Macht des Weißen Hofes in Preußen entgegentreten müssen.

 

Ernst-August, ich will dich nicht hassen. Du hast so viel riskiert, um mich zu retten. Du wohnst in meinem Herzen wie ich es zuvor nicht für möglich gehalten hätte. Ich bin vermutlich die schlimmste denkbare Mutter, doch ich werde alle Kraft daran setzen, dieses Kind zu schützen. Ich hoffe sehr, dass wir darin ein gemeinsames Ziel haben, denn ansonsten verliere ich mehr als einen Freund.

Ich werde versuchen, auf dem schmalen Grad zwischen Monster, Mutter und Freundin zu wandeln. Vielleicht kann ich eines Tages sogar wieder zur Geliebten werden. Wenn uns wirklich so viel verbindet wie ich glaube, dann wirst du mir dabei helfen, nicht in bloß die schlimmste dieser Kategorien zu fallen.

 

Die deine,

Josefine