04 Jan

Brief von Jean an Alex

Meine liebe Alex,

ich werde jetzt Berlin den Rücken kehren – als Winter Knight muss ich mich mehr denn je aus der Politik der weißen Vampire heraushalten. Es ist geradezu absurd, dass ausgerechnet ich jetzt ein Machtinstrument politischer Interessen sein soll, da ich es 300 Jahre verstanden habe, mich nur meinen Interessen zu widmen und um alle Politik einen Bogen zu machen.

Zu meinen Interessen gehörtest auch du – kaum jemand hat mich in den letzten hundert Jahren mehr inspiriert. Dir habe ich es zu verdanken, dass ich angefangen habe, erstmals in meinem Leben über moralisches Verhalten nachzudenken. Ich weiß, es war noch weit davon entfernt, was du darunter verstehst. Aber immerhin, ich habe meinen Schwur dir gegenüber gehalten und meinen Hunger nicht mehr mit dem Leben eines anderen bezahlen lassen. Ich verstehe dieses neuzeitliche Konzept von Gleichheit nicht wirklich – es kommt mir sehr am Leben vorbei vor. Niemand ist gleich – und niemand hat die gleichen Voraussetzungen. Ein Zauberer kann etwas anderes – und wird etwas anderes wollen und tun als ein weißer Vampir oder ein Angehöriger des Winterhofes. Ich war damals dabei, als es hieß „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Es kam zu einer Machtverschiebung. Mehr allerdings in meinen Augen nicht. Wer Macht hat, hat das Sagen – und schert sich im Grunde wenig um das Wohl anderer.

Ich glaube, du hättest dich gut mit Voltaire verstanden – ich fand Diskussionen mit ihm durchaus anregend, aber in meiner Jungend war ich damals sehr arrogant und überzeugt, die einzige Wahrheit zu kennen. Seinen Idealismus, dass alle „Bürger gleich sind“ habe ich allerdings schon damals bewundert – er trug so eine Leidenschaft in sich, er wollte tatsächlich die Welt verbessern. Diese Leidenschaft sehe ich in dir Alex, auch wenn ich sie nicht verstehe. Für mich ist die Welt so, wie sie ist, es gibt welche, die fressen und andere, die gefressen werden. Daran zu rütteln, ist für mich, als wolle man an der Abfolge der Jahreszeiten rütteln.

Doch hast du es geschafft, dass ich erstmals darüber nachgedacht habe, ob es denn nötig sei, immer nur den eigenen Gelüsten zu folgen – und mein inneres Monster loszulassen. Was macht einen aus? Ist es das Ausleben jeglicher Gefühle und Neigungen oder eben das Zügeln dieser? Wo beginnt der eigene Wertekanon? Wo hört er auf? Was kann man selbst beeinflussen – was beeinflusst einen? Wenn der Hunger mich bestimmt, was bleibt von mir selbst übrig? Gerade habe ich angefangen, mein „Monster“ zu kontrollieren, habe Wege entdeckt, damit zu leben – und doch ich zu bleiben.

Auch die Verantwortung für Josefine, die mir meine Schwester übertrug, hat einiges dazu beigetragen. Plötzlich ein Vorbild zu sein und sein eigene Taten dahin gehend zu überdenken. Wie will ich wahrgenommen werden? Was soll jemand lernen? Ich fürchte allerdings, dass ich bei Josefine nicht sehr erfolgreich war – ich war dieser Rolle wohl auch nicht wirklich gewachsen. Trotzdem hat sie mich an eines erinnert, was ich dachte, vergessen zu haben: es gibt andere, die wichtiger sind als man selbst. Das eigene Leben wird letztendlich irrelevant, wenn dieses eine auf dem Spiel steht. Allerdings hat es mich auch das gekostet, was mir mehr wert als alles andere auf der Welt war: meine Freiheit.

Indem ich Josefine schützen wollte und auch versucht habe, deiner Moral zu folgen, dass selbst ein ungeborenes Leben schützenswert ist (eine sehr seltsame Vorstellung) und ich also versucht habe, das Leben von Mutter und Tochter zu retten, musste ich einen Preis zahlen. Es erinnert mich daran, warum ich allen Bindungen entsagt habe und keine Verantwortung wollte – der Preis ist immer zu hoch. Jetzt bin ich also der Winter Knight und ein zweites Monster gesellt sich zu meinem ersten. Gerade als ich dachte, ich könnte mit einem leben und trotzdem Jean-Claude sein.

Wie soll ich jetzt noch einen Weg finden, ohne mich vollständig zu verlieren? Sich gegen Mab auflehnen zu wollen ist so, als fordere man das Universum heraus – unmöglich. Wenn Kant also meint, Menschen seien frei insofern sie sich von Gründen – Gründen zu urteilen und Gründen zu handeln – leiten lassen, dann bin ich unter der Knechtschaft von Mab im wahrsten Sinne des Wortes unfrei. Denn eine Autonomie des Handelns sehe ich nicht mehr gegeben.

Verzeih mir liebe Alex, dass ich dich mit meinen Gedanken so überhäufe – ich habe die letzten Nächte kaum etwas anderes getan, als zu grübeln. Ich wollte, ich könnte zu den unbeschwerten Zeiten zurückkehre und dir passendes Geschmeide zu deinen herrlich grünen Augen aussuchen – und dabei schwarze Vampire bekämpfen oder das Geheimnis eines Dolches lüften.

Ich gehe zurück nach Hamburg. Ernst-August wird mich auf dem Weg begleiten – über seine Freundschaft und seine Unterstützung bin ich wirklich sehr froh! Vielleicht sieht er eine Möglichkeit, die ich noch nicht wahrnehme. Immerhin ist er ein Kenner des Winterhofes und ein sehr kluger Zauberer.

Ich werde weiterhin unter der Hamburger Adresse zu erreichen sein. Sollte sich das ändern, sage ich Bescheid. Wenn du irgendetwas brauchst, lass’ es mich wissen. Grüße deine entzückende Nachbarin, Frau Bikowski, von mir – sie wird jetzt nichts mehr entgegennehmen müssen.

Dein

Jean-Claude